NGOs fordern Maßnahmen zum Schutz des Tempels in Gozo

Eine breite Allianz maltesischer Nichtregierungsorganisationen (NGOs) hat eine dringende und offizielle Aufforderung an die Regierung gerichtet, unverzüglich Maßnahmen zu ergreifen, um die ihrer Meinung nach andauernde Zerstörung archäologischer Überreste in der Umgebung des Sta Verna-Tempels in Xagħra auf Gozo zu verhindern. In einer am Sonntag veröffentlichten öffentlichen Erklärung betonte die Koalition, dass es sich angesichts der historischen Bedeutung der Stätte nicht nur um eine Angelegenheit von nationalem Interesse, sondern auch um eine internationale Verantwortung handele.
Der Koalition gehören Flimkien għal Ambjent Aħjar (FAA), BirdLife Malta, Din l-Art Ħelwa, Għawdix, Moviment Graffitti, Ramblers Association of Malta, Vuci Kollettiva und Wirt Għawdex an – Organisationen, die für ihr Engagement für Umwelt, Geschichte und Kultur auf den maltesischen Inseln bekannt sind. Ihre gemeinsame Sorge gilt den laufenden Bauaktivitäten in der Nähe des Sta Verna-Tempels, die angeblich ohne angemessene archäologische Schutzmaßnahmen oder Genehmigungen stattfinden und zu einem irreversiblen Verlust des kulturellen Erbes führen.
Die historische Bedeutung des Sta Verna-Tempels
Der Sta Verna-Tempel gilt als eine der ältesten archäologischen Stätten Maltas und soll sogar älter sein als die berühmten Ġgantija-Tempel, die selbst zu den ältesten freistehenden Bauwerken der Welt zählen. Der Sta Verna Tempel liegt in der kulturell reichen Gegend von Xagħra auf Gozo und ist seit langem für seine große archäologische Bedeutung bekannt.
Trotz seiner dokumentierten historischen Bedeutung ist die Stätte noch relativ wenig erforscht, und ein Großteil ihres archäologischen Potenzials bleibt unerschlossen. Dies macht jede Zerstörung in diesem Gebiet besonders besorgniserregend, da sie zum Verlust wichtiger historischer Daten führen könnte, die zu einem tieferen Verständnis der prähistorischen Gesellschaften Maltas beitragen könnten.
Vorwürfe wegen unerlaubter Bebauung und Zerstörung
Laut der NGO-Koalition finden derzeit auf mehreren Grundstücken rund um den Sta Verna-Tempel Bauarbeiten statt, angeblich ohne gültige Baugenehmigungen. Zu den genannten Grundstücken gehören 22A, 22B, 21A – verbunden mit der Akte PA 05171/23 der Planungsbehörde – sowie Grundstück 14, Grundstück 15 und ein Teil von Grundstück 16. Diese Gebiete sollen die Fundorte von Knochenresten sein, aber die NGOs behaupten, dass sie täglich „völlig ungestraft” planiert werden.
Darüber hinaus behaupten die NGOs, dass eine Genehmigung für den Bau von Ställen in dem Gebiet auf der Grundlage einer unrichtigen Angabe zum Grundstückseigentum erteilt wurde. In dem Antrag wurde angeblich behauptet, dass das Grundstück dem Antragsteller gehöre, während es sich laut den NGOs tatsächlich um öffentliches Eigentum der Regierung handelt. Sie fordern die sofortige Aussetzung dieser Genehmigung und eine Überprüfung aller damit verbundenen Baugenehmigungen.
Entdeckung menschlicher Überreste löst formelle Beschwerden aus
Die Angelegenheit kam ans Licht, nachdem Anwohner an einer der Stellen etwas entdeckt hatten, das wie Knochen aussah, und die FAA alarmierten. Die NGO reichte später einen offiziellen Bericht bei der Superintendence of Cultural Heritage (SCH) ein, der Behörde, die für den Schutz und die Verwaltung des kulturellen Erbes und der historischen Stätten Maltas zuständig ist.
Fotos, die an der Stelle aufgenommen und der SCH vorgelegt wurden, scheinen eine mit Knochen gefüllte Grube sowie verstreute Knochenfragmente entlang einer Zugangsrampe zu zeigen. Diese Entdeckungen wurden Berichten zufolge von dem Archäologen der Ausgrabungsstätte bestätigt, was den Bedenken der Anwohner und NGOs weitere Glaubwürdigkeit verleiht.
In einer E-Mail vom 8. April 2023 bestätigte das JB Arch Team – ein archäologisches Beratungsunternehmen, das mit der Überwachung der Arbeiten beauftragt war – die Entdeckung von Knochen in drei verschiedenen Bereichen und wies darauf hin, dass ein 3D-Modell der Überreste erstellt worden sei. Allerdings räumte es auch ein, dass zu diesem Zeitpunkt noch keine formelle Analyse der Knochen durchgeführt worden sei. Das Team verwies außerdem auf den Einsturz einer Höhle und brachte den Vorfall mit einer früheren, nicht näher bezeichneten archäologischen Untersuchung in Verbindung.
Rechtlicher Rahmen und Pflichten nach maltesischem Recht
In ihrer Berufung verwies die Koalition von Nichtregierungsorganisationen ausdrücklich auf Kapitel 445 des maltesischen Kulturgutschutzgesetzes. Gemäß dieser Gesetzgebung „hat jeder Bürger Maltas sowie jede in Malta anwesende Person die Pflicht, das kulturelle Erbe zu schützen“. Diese gesetzliche Pflicht umfasst die Verpflichtung, das Kulturerbe zu bewahren, zu erhalten und bei Bedarf die erforderlichen Maßnahmen zu seinem Schutz zu ergreifen.
Zusätzlich zur nationalen Gesetzgebung fordern die NGOs die Anwendung internationaler Verpflichtungen wie der Landschaftskonvention des Europarates. Sie bestehen darauf, dass die Planungsbehörde, die Oberaufsicht für Kulturerbe und andere zuständige Regierungsstellen in voller Übereinstimmung mit den nationalen und internationalen Standards für den Denkmalschutz handeln müssen.
Forderung nach einer Notfall-Denkmalschutzverordnung und einer offiziellen Untersuchung
Angesichts der Schwere der Lage fordern die NGOs die Denkmalschutzbehörde auf, eine Notfall-Denkmalschutzverordnung (Emergency Conservation Order, ECO) für das Gebiet Sta Verna zu erlassen. Eine solche Verordnung würde die sofortige Einstellung aller Bauarbeiten vorschreiben und umfassende archäologische Untersuchungen der betroffenen und umliegenden Stätten ermöglichen.
Die Koalition fordert außerdem die Bergung und Erhaltung aller Materialien, die bereits entsorgt oder auf andere Weise aus dem Gebiet entfernt wurden. Diese Materialien, zu denen möglicherweise menschliche Überreste, Tonscherben und andere Artefakte gehören, werden als wesentlich für das Verständnis des historischen Kontexts der Stätte angesehen.
Darüber hinaus haben die NGOs Bedenken hinsichtlich einer möglichen Verschleierung weiterer Funde geäußert. Sie vermuten, dass möglicherweise weitere archäologische Funde – darunter möglicherweise ein weiteres Grab – entdeckt, aber nicht gemeldet wurden. Dies lässt weitere Befürchtungen hinsichtlich möglicher Verstöße gegen ethische und rechtliche Verpflichtungen durch Bauträger oder beteiligte Parteien aufkommen.
Reaktion der Regierung und Forderungen nach Rechenschaftspflicht
Bislang gibt es keine offizielle öffentliche Stellungnahme des Büros des Premierministers oder des für das Kulturerbe zuständigen Ministers zu dem Appell der NGOs. Die Koalition fordert beide auf, unverzüglich einzugreifen und entschiedene Maßnahmen zu ergreifen, um eine weitere Zerstörung der Stätte zu verhindern.
Insbesondere betonen die NGOs, dass die Regierungsbehörden die bestehenden rechtlichen Rahmenbedingungen durchsetzen und unbefugte Bauvorhaben in geschützten oder potenziell sensiblen Gebieten stoppen müssen. Sie argumentieren, dass die Fortsetzung solcher Bauvorhaben nicht nur das archäologische Erbe des Landes gefährden, sondern auch das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Institutionen zur Erhaltung des Kulturerbes untergraben würde.
Weiterreichende Auswirkungen auf die kulturelle Identität Maltas
Der Appell der NGO-Koalition schließt mit der Warnung, dass die Zerstörung in Sta Verna mehr als nur ein lokales Problem darstellt. „Es geht nicht nur um Maltas Kulturerbe, sondern um Weltkulturerbe, das verloren geht“, heißt es in der Erklärung.
Diese Einschätzung wird durch die wachsende Anerkennung Maltas als Hüter bedeutender prähistorischer Stätten untermauert, von denen viele noch erforscht und verstanden werden müssen. Die Koalition argumentiert, dass ein Versagen beim Schutz von Stätten wie Sta Verna Maltas internationalen Ruf im Bereich der Kulturerhaltung schädigen könnte.
Ein Aufruf an die Bürger und die Zivilgesellschaft
Die NGOs rufen auch die maltesischen Bürger dazu auf, die Bemühungen zum Schutz der Stätte Sta Verna zu unterstützen und sowohl private Bauträger als auch öffentliche Behörden zur Verantwortung zu ziehen. Sie betonen, dass die Erhaltung des Kulturerbes eine kollektive Pflicht ist, die gesetzlich verankert und in der nationalen Identität verwurzelt ist.
Durch Sensibilisierung der Öffentlichkeit, rechtliche Interessenvertretung und politische Reformen hoffen die NGOs, ein robusteres und transparenteres System zur Erhaltung der unersetzlichen Kulturgüter Maltas zu schaffen.
Fazit
Die Situation in der Nähe des Sta Verna Tempels auf Gozo stellt einen kritischen Moment für den Schutz des kulturellen Erbes in Malta dar. Da eine der ältesten und potenziell bedeutendsten archäologischen Stätten der Insel gefährdet ist, sind die Forderungen von Nichtregierungsorganisationen nach dringenden Maßnahmen nicht nur vorsorglich, sondern unerlässlich. Vorwürfe wegen unerlaubter Bebauung, unsachgemäßer Behandlung archäologischer Funde und möglicher Verschleierung von Entdeckungen verdeutlichen systemische Mängel, die zu irreversiblen Schäden führen könnten, wenn sie nicht behoben werden.
Malta hat als Nation mit einem reichen und weltweit anerkannten historischen Erbe eine rechtliche und moralische Verpflichtung, seine Kulturgüter zu schützen. Diese Verantwortung erstreckt sich nicht nur auf staatliche Institutionen, sondern auf alle Bereiche der Gesellschaft, einschließlich Bauträger, Archäologen und die breite Öffentlichkeit. Der Fall Sta Verna unterstreicht die Notwendigkeit einer strengeren Aufsicht, transparenter Prozesse und der Durchsetzung von Denkmalschutzgesetzen, um ähnliche Vorfälle in Zukunft zu verhindern.
Letztendlich geht es bei der Erhaltung der Stätte Sta Verna nicht nur um den Schutz von Steinen oder Knochen – es geht um die Achtung der Identität, Geschichte und Würde einer Zivilisation, deren Echo noch heute die maltesischen Inseln prägt. Jede weitere Entwicklung muss mit äußerster Vorsicht und nur nach einer gründlichen archäologischen Bewertung erfolgen. Alles andere wäre nicht nur ein Bärendienst für die maltesischen Bürger, sondern auch für das gemeinsame Erbe der Menschheit.
FAQs
Was ist der Sta Verna-Tempel und warum ist er wichtig?
Der Sta Verna-Tempel ist eine prähistorische archäologische Stätte auf Gozo, die vermutlich älter ist als die Ġgantija-Tempel und damit zu den ältesten kulturellen Sehenswürdigkeiten Maltas zählt.
Was behaupten die NGOs in diesem Fall?
Die NGOs behaupten, dass die Bebauung in der Nähe der Sta-Verna-Stätte ohne ordnungsgemäße Genehmigungen erfolgt und archäologische Überreste, darunter menschliche Knochen und antike Bauwerke, zerstört.
Wer ist für den Schutz der Stätte verantwortlich?
Nach maltesischem Recht ist die Oberaufsicht für Kulturerbe zusammen mit der Planungsbehörde und anderen Regierungsstellen für die Überwachung solcher Stätten zuständig.
Wurde die Stätte offiziell ausgegraben?
Obwohl einige archäologische Untersuchungen durchgeführt wurden, ist die Stätte noch weitgehend unerforscht, was die laufenden Bauarbeiten aufgrund der Gefahr des Verlusts unentdeckter Kulturgüter besonders schädlich macht.
Welche rechtlichen Schutzmaßnahmen gibt es für Stätten wie Sta Verna?
Stätten wie Sta Verna sind durch das Kulturerbegesetz geschützt, das die Erhaltung historischer Gebiete vorschreibt und Bürgern und Beamten gesetzliche Pflichten auferlegt.
Was ist eine Notfall-Denkmalschutzverordnung (Emergency Conservation Order, ECO)?
Eine ECO ist ein Rechtsinstrument, das alle Aktivitäten in einem Gebiet zum Schutz des kulturellen Erbes einstellt und die sofortige Erhaltung und Untersuchung der Stätte ermöglicht.
Wurden tatsächlich Knochen an der Stätte gefunden?
Ja, an mehreren Stellen der Stätte wurden Knochen entdeckt, was durch das beauftragte Archäologenteam und fotografische Beweise bestätigt wurde.
Warum glauben die NGOs, dass die Gefahr der Verschleierung besteht?
Die NGOs vermuten, dass weitere archäologische Funde gemacht wurden, die jedoch nicht gemeldet wurden, was Bedenken hinsichtlich der Transparenz und der Einhaltung der Vorschriften aufkommen lässt.
Was sollte die Regierung als Nächstes tun?
Die NGOs empfehlen, alle Bauarbeiten in der Nähe von Sta Verna einzustellen, fragwürdige Genehmigungen zu widerrufen und eine umfassende Untersuchung aller illegalen Aktivitäten oder Versäumnisse einzuleiten.
Wie kann die Öffentlichkeit zum Schutz des kulturellen Erbes beitragen?
Bürger können verdächtige Aktivitäten melden, NGOs unterstützen, die sich für den Erhalt einsetzen, und Druck auf die Behörden ausüben, damit diese die Denkmalschutzgesetze durchsetzen.








































